Auf Zweirädern zurück in's Leben



Als die Schrecknisse des Krieges vorbei waren und die ersten "normalen" Lebens-Vorgänge wieder im Leben der Menschen Platz griffen, das heisst die Grundbedürfnisse der Nahrung, Bekleidung und Behausung mehr oder weniger gestillt waren, kam der Wunsch nach Mobilität.

Auch der Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg erfolgte in erster Linie durch menschliche Arbeitskraft. Hilfsmittel mechanischer Art waren sowohl auf den Baustellen als auch auf den Verkehrswegen äusserst selten. So bedeutete es für die Menschen jener Zeit bereits ein grosses Glück und eine wesentliche Verbesserung ihrer Mobilität, wenn sie ein Fahrrad besassen.


Original-NSU-Quickly.JPGDoch einen richtigen Eindruck von Freiheit und Mobilität konnten nur die deutschen Bürger gewinnen, die ein Moped oder Motorrad besassen. Und ein Auto zu kaufen, schien damals für fast jeden in der damaligen Nachkriegszeit lebenden Erwachsenen als ein Traum von ferner Zukunft.

In jenen Tagen nach dem Krieg waren jedoch nicht nur Mangel an den wesentlichen Gütern des täglichen Überlebens  an der Tagesordnung, sondern es wurde auch von den Besatzungsmächten und der Regierung massiv in die Beschaffung sämtlicher Güter eingegriffen.

Neue ausländische Mopeds oder Motorräder konnten die Menschen, (selbst wenn sie Geld hatten) nicht kaufen, da dies in Deutschland nur durch ein Geschenk von ausländischen Verwandten oder mittels Eigendevisen möglich war.

Natürlich waren auch die Zuteilung von Treibstoffen und Schmiermitteln streng limitiert und geregelt. Die Wertigkeit und die Wertschätzung aller materiellen Dinge der damaligen Zeit hatten ein sehr viel höheren Stellenwert als heute. Übrigens nannte man damals das zugeteilte Benzin wegen der schlechten Qualität, und der niedrigen Oktanzahl im Volksmund auch einfach nur "Klingelwasser" .


Doch schon bald begann sich das Leben trotz der Besatzung und der herrschenden materiellen Not in Deutschland zu normalisieren. Es begannen einige Hersteller nach dem Krieg sehr bald wieder zu produzieren.  Es kamen entweder Vorkriegsmodelle mit "Facelift" auf den Markt, oder komplette Neuentwicklungen.





NSU-Quickly-1954.JPGDabei waren vor allem kleine innovative Firmen wie beispielsweise Rabeneick, Tomax oder Riebel mit der legendären Imme federführend.

Doch die Maschinen jener Jahre waren nicht einfach nur "Wiederaufbau-Moped oder Motorrad".   Nein, mit den Zweirädern begann für viele Menschen auch wieder dem lang gehegten Traum von Freiheit ein Stück näher zu rücken.

Vom Sonntagsausflug bis hin zur Fernfahrt in andere Länder bot sich nun endlich die Gelegenheit, den Sorgen des Alltags zu entfliehen. Und die Bürger nutzten diese Gelegenheit reichlich und so oft es nur möglich war. Das Moped oder Motorrad war für viele deutsche Familien damals fast schon zu einem Familien-Mitglied geworden.

In diesen Jahren traten dann auch zwei völlig neue Fahrzeug-Kategorien auf den Markt. Dem Mofa, und dem Motorroller. Der Roller begann seinen Siegeszug von Italien aus, wo der Konstrukteur D'Asciano bei der Firma Piaggio unter der Verwendung von Flugzeug - Spornrädern aus Beständen des Krieges die bis heute legendäre " Vespa " schuf.




dkw-hobby-roller.JPGIn Deutschland erkannten auch die grossen Hersteller wie DKW oder NSU schnell den grossen Stellenwert des Motorrollers bei der Bevölkerung. Sie produzierten diese beliebten Zweiräder entweder in Lizenz, oder aber auch als Eigenproduktion.

Das Moped entwickelte sich sehr schnell aus dem Fahrrad mit Hilfsmotor als eigene                  Fahrzeug-Kategorie. Waren die Mopeds zunächst (auch optisch) nur verstärkte Fahrräder mit Hilfsmotor, und so kam es nach mehreren Versuchen bei der Gesetzgebung (Gewichtsbeschränkung) , damals schon  zu Produktionen aus Aluminiumguss wie zum Beispiel der Heinkel-Perle.

Bei dem hier links abgebildeten DKW Hobby Roller aus dem Jahre 1955 handelt es sich übrigens um den ersten Automatik-Motorroller der Welt. Nicht die Italiener, nicht die Chinesen, und auch nicht die Japaner hatten die Idee zum Automatik-Roller.

Nein, DKW war es. Die Realisierung der stufenlosen Übersetzung schaffte DKW aber nicht mit einem Automatikgetriebe. Wo man bei anderen Mopeds das vordere Kettenritzel sucht, findet man bei diesem Roller eine geteilte Riemenscheibe. Je nach Geschwindigkeit und Fliehkraft verändert sich bei dem Hobby-Roller die Übersetzung. Mit zwei Sitzplätzen, und 70 ccm. Leistung kam es in der damaligen Zeit nicht selten vor, dass man mit diesem Gefährt ein Auto überholen konnte.



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Lange gab es noch einen Kampf um die Ausstattung dieser Zweiräder (ein-oder zwei Sitzplätze, Pedale oder Kickstarter), aber der Siegeszug dieser Mopeds war einfach nicht mehr aufzuhalten, und leistete einen sehr grossen Beitrag zur "Volksmotorisierung".

Abschliessend kann man aber auch aus Überlieferungen damaliger Zeitgenossen durchaus behaupten, dass die Menschen dieser Zeit nie den Mut und den Humor verloren haben, und deshalb trotz aller Entbehrungen Kinder einer armen aber glücklichen Zeit waren...!  

Anmerkung in eigener Sache: Müsste ich heute einen Schuldigen benennen, der Verantwortlich für meine Schrauber- und Sammelleidenschafft ist, bräuchte ich nicht lange überlegen:
Dieser Zündapp R 50 Roller aus 1972 ist es. Ich bekam ihn damals von einem Freund geschenkt, weil er das Gartenhaus seines Vaters räumen musste. Ich bekam ihn In Kartons und Tüten.

Dieser Text wurde etwas umformuliert, aber die Haupt-Quelle unserer Rechergen stammen aus dem Buch von Friedrich F. Ehn "Auf Zweirädern ins Wirtschaftswunder".  Wir bedanken uns für die Veröffentlichung dieses Buches . Wir haben dieses Buch regelrecht in uns aufgesogen, es mehrmals gelesen. Friedrich F. Ehn wurde im Kriegsjahr 1941 in Wien geboren. Er war von Kindesbeinen an von Motorrädern fastziniert. Alles  begann mit einem aus Kriegstrümmern geborgenen Leichtmotorrad-Fahrgestell ohne Motor und Bereifung. Es waren genau jene Jahre, in denen das Motorrad nach dem Krieg wiedergeboren wurde. Der Autor sog alles was das Fahrzeugwesen auf zwei Rädern betraf begierlich in sich auf. Mit den Jahren entstand aus seiner Sammelleidenschafft das Österreichische Motorad-Museum in Eggenburg. Es ist nicht nur das bei weitem grösste und umfangreichste Museum seiner Art in Österreich, sondern auch eines der bedeutendsten Museen seiner Art.. Unter den 320 ausgestellten Motorrädern, Mopeds, Rollern und Fahrrädern befinden sich viele bekannte, als auch längst vergessene Marken und Modelle.

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